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INTERVIEW: "PROBIERT ES AUS" |
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Meike Richter arbeitet als Kulturwissenschafterin und Dozentin. Sie leitet Seminare an der Universität Lüneburg, worin es um Open Source und den freien Austausch kultureller Güter geht. Ihre Magisterarbeit hat sie über Linux in Entwicklungsländern geschrieben. Ihr Blog dazu ist auf www.commonspage.net zu finden. Meike richtet lebt und arbeitet in Hamburg. Im Quer spricht sie über Netzkultur, freie Software und UrheberInnenrechte.
Wie bist du auf "Open Source" gestoßen? Und warum hast du dich zu engagieren begonnen?
Ich habe mal einen Vortrag über freie Software gehört, das hat meine
Neugier geweckt. Dann habe ich mir aus Spieltrieb ein Linux-System
installiert – Knoppix – und dabei gleich mein Windows-System
abgeschossen. Da sowieso alle Daten futsch waren, bin ich gleich
umgestiegen. Erst auf Suse, jetzt arbeite ich mit Kubuntu. Ich
engagiere mich, weil die Philosophie, die hinter open Source steht,
sich mit meinen politischen Ideen deckt. Freie Software ist faire
Software – auf ethischer genauso wie auf wirtschaftlicher Ebene.
"Open Source" umfasst ja nicht nur den Bereich der Software, sondern
viel mehr. Es geht auch um die Freiheit von Musik, Film oder Wissen?
Open Source Software oder auch freie Software hat eine ganz eigene
Kultur und Ökonomie, die in unserer zunehmend digital strukturierten
Lebenswelt viele Vorteile bringt: Sie entsteht in offen kooperierenden
Netzwerken und benutzt spezielle Lizenzen wie die General Public
Licence (GPL), die Usern wie Programmierern mehr Freiheiten gewährt. So
ist beispielsweise das freie Verändern und Kopieren von Code erlaubt.
Obwohl das Produkt selbst kostenlos ist, kann man damit seinen
Lebensunterhalt bestreiten. Verdient wird nämlich mit
Service-Leistungen um die Software herum. Seit einiger Zeit lässt sich
beobachten, dass Musiker, Filmemacher und Wissensproduzenten
Arbeitsweise und Philosophie aus der Welt der freien Software
übernehmen. Ein Filmemacher erlaubt beispielsweise, dass sein Film über
Internet-Tauschbörsen heruntergeladen werden darf. Er macht das, um
sich und sein Werk bekannt zu machen – freies Teilen bringt Vorteile.
Außerdem ist die Ausbreitung des Open-Source-Gedankens eine Antwort auf
die grotesken Auswüchse des Urheberrechts. Starker Schutz bringt den
Urhebern kaum etwas, dafür aber den Rechteverwertern– das heißt den
Medienkonzernen – um so mehr. Unser klassisches Urheberrechtssystem hat
leidlich in der analogen Welt funktioniert, in der digitalen Welt stößt
es an seine Grenzen. Projekte wie Creative Commons, das ist eine Art
GPL für kreative Werke, sind ein Versuch, Urheberrecht für das
Internet-Zeitalter upzudaten.
Warum setzt sich der „Open-Source-Gedanke“ denoch recht langsam durch?
Im Bereich der Software: Die meisten Menschen werden in die proprietäre
Windows-Welt regelrecht hineingeboren und wissen gar nicht, dass es
Alternativen gibt. Und Linux-Systeme wie Ubuntu, die auch für
Nicht-Programmierer leicht zu installieren und zu benutzen sind, gibt
es erst seit zwei, drei Jahren. Davor war das was für Spezialisten. Man
kann nicht erwarten, dass freie Software von heute auf morgen die Welt
erobert. Das ist ein langsamer Prozess. Im Bereich der
Wissensproduktion ist es ähnlich. Das klassische Urheberrechtssytem hat
bis Ende der 90er seinen Zweck halbwegs erfüllt. Dann wurde das
Internet ein Massenmedium, zum Leidwesen der Musikindustrie wurden mp3
und Tauschbörsen wie Napster erfunden. Urhererrechtsextremismus ist die
falsche Reaktion auf diese Entwicklung. Aber das perfekte
Vergütungssystem, das freies Tauschen erlaubt, und den Kreativen
trotzdem ein Auskommen ermöglicht, gibt es noch nicht. Creative Commons
zeigt in die richtige Richtung, auch die Kulturflatrate ist eine kluge
Idee. Bis die Botschaft bei Medienkonzernen, Verwertungsgesellschaften
und der Gesetzgebern ankommt, wird es aber noch dauern.
Wie sieht es mit dem Frauenanteil in der Open-Source-Bewegung aus? Sind das nicht überwiegend technikorientierte Männer?
Miserabel, nur ca. 1 Prozent der open source Entwickler sind weiblich.
Etwas besser ist die Situation, wenn man den rein technischen Bereich
verlässt. Man findet mehr Frauen, die sich in Forschung und Lehre mit
freier Software beschäftigen, die sich beispielsweise mit den sozialen,
politischen und ökonomischen Aspekten von freier Software beschäftigen.
Dieses krasse Missverhältnis ist wirklich ein Problem. Nur wenn die
freie Software-Bewegung es schafft, die Frauen und ihre Fähigkeiten für
sich zu gewinnen und anderseits die Frauen merken, was sie da alles
lernen können, wird freie Software sich durchsetzen.
Software ist die Sprache des Informationszeitalters. Sie hat eine
technische Natur, aber im Gebrauch entfaltet sie kulturelle, politische
und ökonomische Macht. Wer diese Sprache beherrscht, kontrolliert
letztlich, wie und ob Menschen Zugang zu Wissen und Information aller
Art bekommen. Diese Macht darf nicht in Händen weniger Konzerne wie
beispielsweise von Microsoft, liegen, da ist Missbrauch
vorprogrammiert. Freie Software bietet da eine Alternative, sie macht
unabhängig. Außerdem ist die freie-Software-Szene spannend, das sind
lustige Leute.
Was würdest du jungen Leuten empfehlen, die sich auch gerne engagieren möchten, aber nicht genau wissen wie?
Probiert freie Software aus. Ob Firefox-Browser, Büro-Software Open
Office oder das Betriebssystem Kubuntu – es gibt viele Sachen, mit
denen auch Anfänger gut klarkommen. In jeder Stadt gibt es
Linux-Stammtische, da trifft man auf Gleichgesinnte. Die Free Software
Foundation Europe (www.fsfe.org) ist auch eine gute Adresse. Die helfen
mit Kontakten und freuen sich über Unterstützung.
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